Malte Dücker: 500 Jahre Bauernkrieg

Zu Beginn des Wintersemesters erlebte der Friedberger Geschichtsverein einen sehr guten Vortrag seines Vorstandsmitgliedes Malte Dücker. Der Kirchengeschichtler wird z. Zt. mit seiner Dissertation über die Rezeption Pastor Martin Niemöllers in Frankfurt promoviert. Deshalb ist ihm die Methode geläufig, historische Ereignisse an ihrer späteren Rezeption zu spiegeln, und er wandte sie bei seinem Thema „500 Jahre Bauernkrieg – die Sprengkraft der Ungleichheit“ erfolgreich an.

Malte Dücker, Foto: Johannes Kögler

In seinen gut gegliederten Ausführungen schilderte er knapp die Ereignisse von 1525, ausgehend von der sozialen Notlage der verunsicherten Bevölkerung, ausgelöst durch Pest, Teuerung, und Verknappung der Lebensmittel durch Spekulation - Luther spricht vom Fürkauf. Der Landadel litt unter den gleichen Verhältnissen, konnte sich aber durch Raubrittertum schadlos halten bzw. den sozialen Druck nach unten weiterleiten, indem er die Abgaben der leibeigenen bäuerlichen Untertanen erhöhte und deren Leidensdruck vergrößerte.

In diese soziale Not hinein ertönte dann der reformatorische Ruf Luthers „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Die Bauern leiteten aus dieser theologischen Feststellung, dass vor Gott alle Menschen gleich sind, die Erkenntnis ab, dann dürfe es auch keine soziale Ungleichheit und keine Standesschranken geben. Sie formulierten in Memmingen ihre berühmten 12 Artikel, die dank des Buchdrucks überall in Deutschland Verbreitung fanden. Obwohl die Bauern die Obrigkeit nicht generell in Frage stellten und vorwiegend pragmatische soziale Verbesserungen verlangten, war auch von freier Pfarrerwahl, sprich reformatorisch orientierten Theologen, die Rede. Örtlich kam es zu Aufruhr und Plünderungen vor allem von geistlichen Einrichtungen. Als aber Graf Ludwig von Helfenstein am Ostermontag 1525 in der „Weinsberger Bluttat“ ermordet worden war, schlug das Pendel zur Gegenseite um. Luther, allem Aufruhrs abhold, schrieb die verhängnisvolle Schrift „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“, in der er zur brutalen Niederwerfung des Aufstandes auffordert: „Drum soll hie zuschmeißén,würgen und stechen...wer da kann.“ Bei Frankenhausen in Thüringen kam es zur Entscheidungsschlacht, in der die unzureichend bewaffneten und organisierten Bauern durch die Profiarmee der Fürsten niedergemacht wurden. Die Anführer, allen voran Thomas Müntzer, wurden gefoltert und hingerichtet. Die Fürsten, unter ihnen auch Landgraf Philipp von Hessen, fühlten sich durch Luthers Aufruf bei ihrem Tun auf der gerechten Seite.

Im zweiten Ansatz streifte der Redner die Verhältnisse in Friedberg. Die Landgrafschaft Hessen blieb weitgehend von den Unruhen verschont, abgesehen von den Klosterterritorien Fulda und Hersfeld. Aber in der städtischen Bevölkerung gab es soziales Elend. Der Unmut richtete sich hier vorwiegend gegen den steuerfreien Klerus, aber auch gegen die Juden. In Frankfurt wurden 46 Artikel formuliert, die sicher auch in Friedberg Verbreitung fanden. Hier gab es einen bewaffneten Aufstand, der sich – wenn auch erfolglos - gegen das verhasste adlige Burgregiment richtete. Die Burg setzte Repressalien gegen die ohnehin ständig mit ihr zerstrittene Stadt durch. Die Katharinenkapelle auf der Kaiserstraße in Höhe der Einmündung der Usagasse in die Breite Straße musste geschleift werden, weil sich die Bürger dort gegen das Burgtor hin verschanzt hatten.

Zum Schluss widmete sich der Redner der Rezeption des Bauernkrieges über die Jahrhunderte bis hin zu Werner Tübkes Monumentalgemälde in Frankenhausen noch zu DDR-Zeiten. Der Arbeiter- und Bauernstaat empfand sich als Vollender der von Müntzer angeführten Bauernrevolte, huldigte ihm auf Geldscheinen und ließ das Frankenhausener Monumentalgemälde anfertigen. Malte Dücker unterzog dieses vielschichtige Kunstwerk einer feinsinnigen Analyse und stellte fest, dass die intellektuellen Vorbereiter der Revolte von 1525, Luther, Gutenberg, Dürer, Cranach u.a. merkwürdig unbeteiligt im Vordergrund stehen, während in ihrem Rücken gemordet wird und sich die fürstliche Gewalt austobt. Bereits in der NS-Zeit wurden Bauernführer für die nationale Erhebung in Beschlag genommen, gipfelnd in der SS-Division Florian Geyer.

In der sehr angeregten Aussprache am Ende des mit viel Beifall bedachten Vortrags wurde die Tragik angesprochen, dass Luther als Wegbereiter und Katalysator für den Protest der Armen sich dann so entschieden gegen die Bauernunruhen wandte, weil ihm die Rückendeckung der Fürsten für seine aus der Reformationsbewegung entstehende Kirche unerlässlich war.

Hans Wolf

Vgl. Wetterauer Zeitung 25.10.2025