Burkart Rüster: Geschichte des heimischen Weinanbaus

Historische Weinregion Wetterau

In einem Vortrag beim Friedberger Geschichtsverein vermittelte Burkhart Rüster die Geschichte des Weinanbaus in der Region Friedberg, in Bad Nauheim und dem Wetteraukreis.

Von der Spätantike bis ins 19. Jh. war die Wetterau eine ergiebige Weinregion, was man an Flur- und Straßennamen ablesen kann. Für das Mittelalter sind 154 Orte belegt. Die geologischen Verhältnisse, das milde Klima, fruchtbare Böden und ihre Mittelgebirgshänge waren und sind für den Weinanbau nahezu ideal.

Burkart Rüster, Foto: Johannes Kögler

Die um Friedberg angebauten Weine wurden sehr geschätzt. Sie wurden u.a. in Frankfurt bei Kaiserkrönungen kredenzt und fanden Liebhaber weit über die heimischen Grenzen hinaus. 1552 bestätigte der Reformator Erasmus Alberus die Güte des heimischen Weines. Im Alltag wurde das Trinkwasser aus hygienischen Gründen vielfach mit Wein vermischt. Er diente aber immer schon als Genuss- oder Rauschmittel. Für Lindheim ist belegt, dass der Scharfrichter durch ihn sich seine Arbeit erträglich machte.

Neben fossil nachweisbaren Weinreben aus dem Oligozän lässt sich schon für das Ende der letzten Eiszeit, etwa vor 12.000 Jahren, die Wildform der Weinrebe in Mitteleuropa nachweisen. Zu uns kam der Wein ab dem 1. Jh. n. Chr. durch die Römer. Etwa ab dem Jahr 500 ging der Anbau in Deutschland stark zurück. Erst mit der fränkischen Landnahme ab dem 8. Jh. erlebte er eine neue Blüte. Dier Ausbreitung des Christentums und die Gründung zahlreicher Klöster trugen maßgeblich dazu bei. Auch die Mönche der Wetterauer Klöster bauten etwa ab 1120 Wein für den Eigenbedarf und teils als Handelsgut an.

Verschiedene Faktoren waren für das Auf und Ab des lokalen Weinanbaus verantwortlich. Durch Evolution oder Zucht entwickelten sich neue Rebsorten, Schädlinge mussten bekämpft werden. Das Klima beeinflusst die Erträge. In der überdurchschnittlich warmen Zeit von Christi Geburt bis ca. 1250 waren die Wachstumsbedingungen für die Reben günstig, während es in der „kleinen Eiszeit“ zwischen 1500 und 1900 recht unterschiedliche Leseergebnisse gab. Mit Beginn des Industriezeitalters setzte ein ungewöhnlich hoher Anstieg der Temperatur ein, auf den sich heutige Weinbauern einzustellen haben. War bis um 1618 der Wetterauer Weinanbau ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor, brachte ihn der Dreißigjährige Krieg für viele Jahre fast ganz zum Erliegen.

Wirtschaftlichkeit, Weinbauregelungen und geänderte Trinkgewohnheiten führten zu immer weniger Anbau. In Friedberg, wo er erstmals für 1245 bezeugt ist, endete er um 1900. Die Flächen wurden zur Stadtentwicklung genutzt. Rüster zeigte auf einer Karte die Anbauflächen um 1500: bei der Burg, der Hackenmühle und dem Wartberg.

In Bad Nauheim endete der Weinanbau nach 1754 vorläufig. Erst 1828 bis 1842 betrieben die Salineninspektoren Weiß und Wilhelmi kurzzeitig Wingerte am Johannisberg. An seinen Südhängen errichtete 1882 der Bremer Kaufmann Heinrich Löffler ein Weingut. Sein Sohn verkaufte 1898 den Gesamtbesitz an die Stadt Bad Nauheim, die 1903 das Weingut aufgab. Das Gutshaus ist geblieben und wird heute von Pfadfindern genutzt.

Seit 1892 regelt das Deutsche Weingesetz den Weinbau. Die Wetterau zählt heute nicht zu den 13 Weinregionen, in denen – bis auf wenige Ausnahmen - kommerzieller Weinanbau betrieben werden darf. Derzeit existieren im Wetteraukreis rund 3 ha Rebfläche, die im Wesentlichen von Hobbywinzern und für den Anbau von Tafeltrauben genutzt werden. In Bad Nauheim wurde 1998 auf Initiative des späteren Bürgermeisters Bernd Witzel am Johannisberg wieder ein Wingert mit rund 1600 Rebstöcken angelegt. Seitdem wird er von einem Freundeskreis bewirtschaftet. In einem weiteren, ehrgeizigen Projekt betreibt der Obst- und Gartenbauverein in Ortenberg wieder Weinanbau, der Teil der Landesgartenschau 2027 sein wird.

Der informative Abend klang aus mit der Verkostung Bad Nauheimer Weins. In diesem Rahmen ehrte der Friedberger Geschichtsverein langjährige Mitglieder. Leider konnten nicht alle 18 Jubilare anwesend sein.

Vorsitzender Lothar Kreuzer (rechts) ehrt (von links) Marcelle Bensch, Achim Güssgen-Acqua, Michael Pirl (jeweils 40 Jahre Mitglied), Marion Götz (25 Jahre), Annemarie Jordis (50 Jahre) und den Regionalleiter Peter Höfer als Vertreter der Volksbank Mittelhessen (70 Jahre). Foto: Johannes Kögler

Lothar Kreuzer

Vgl. Wetterauer Zeitung 21.11.2025