Hans Wolf, Lothar Kreuzer, Lutz Schneider, Johannes Kögler: 388 US-Panzer vor Friedberg in Bereitstellung
Friedberger Geschichtsverein erinnert an das Kriegsende vor 80 Jahren
Vor 80 Jahren endete am 29. März 1945 für Friedberg der 2. Weltkrieg. Diesen Jahrestag nahm der Friedberger Geschichtsverein zum Anlass, an die dramatischen Ereignisse während der letzten Kriegstage und der Kapitulation der Stadt zu erinnern.
Der Ehrenvorsitzende Hans Wolf, der Vorsitzende Lothar Kreuzer, Stadtarchivleiter Lutz Schneider sowie Museumsleiter Johannes Kögler stellten umfassend und außerordentlich einfühlsam die damaligen Geschehnisse in einer Kombination von Vortrag und Lesung vor einem zahlreich erschienenen Publikum dar. Anhand eindrucksvoller Fotos gelang es den vier Vorstandsmitgliedern, die Monate zwischen Juli 1944 und dem Kriegsende zu beleuchten. Insgesamt 28 Luftangriffe trafen in dieser Zeit immer wieder den Eisenbahnknotenpunkt Friedberg. Der Angriff vom 4. Dezember 1944 forderte allein in Fauerbach 89 Todesopfer und 47 Verwundete. Fast alle 180 Häuser waren in Fauerbach beschädigt oder zerstört. Am Palmsonntag, dem 25. März 1945, wurden erneut das Bahngelände und Teile der Stadt durch 800 Sprengbomben schwer getroffen. Am 27. März 1945 endete schließlich der Luftkrieg, bei dem insgesamt 220 Menschen in Friedberg ums Leben kamen.
Anhand der Lesung von Hans Wolf, vorwiegend von zeitgenössischen Texten aus dem Luftschutztagebuch des Leiters der Schutzpolizei, Fritz Rust, und von Karl Orth, dem Leiter des Finanzamtes, wurde für die Zuhörer sehr authentisch spürbar, wie sich auch in Oberhessen nach der Überquerung des Rheins bei Oppenheim durch die 3. Amerikanische Armee unter General Patton ein völliger Zerfall der militärischen und zivilen Ordnung vollzog. Während viele Städte, wie Mainz, kapitulierten, sollte dagegen „Friedberg mit seiner altehrwürdigen Burg“, so Major Brack als Kommandant des Friedberger Ersatzbataillons 36 gegenüber dem Kampfkommandanten, Hauptmann Fred Henrich, als Festung gehalten werden. Zur Verteidigung Friedbergs standen etwa 1500 Mann zur Verfügung, wobei Hauptmann Henrich es unterließ, eine Verstärkung durch vorbeiströmende Truppen zu veranlassen und so eine Eingliederung zur Verteidigung der Stadt zu bewirken. Nur zögerlich wurden Panzersperren am Verteidigungsring errichtet, was zu Konflikten mit linientreuen Militärangehörigen führte.
Am 28. März 1945 war Friedberg schließlich vollständig umzingelt. Zehn US-Panzer wurden am Ossenheimer Wäldchen gesichtet, so dass in der Burg, wie verabredet, von der 22jährigen Bewohnerin Anneliese Metzger eine weiße Fahne gehisst wurde. Diese wurden jedoch schnell wieder abgehängt, da ein SA- Sturmbahnführer mit Erschießungen drohte. Noch am selben Abend wurde Hauptmann Wölk als neuer Kampfkommandant ernannt, da Henrich mittlerweile einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Fast zeitgleich kam es am anderen Ende der Stadt zur Plünderung des Proviantamtes.
Am 29. März gegen 5 Uhr morgens rückten die 4.und 6. Panzerdivision der 3. Amerikanischen Armee mit 388 Panzern auf Friedberg vor und beschossen die Verteidiger. Kurz darauf ergaben sich diese. In Fauerbach bot sich Leutnant Hammann dem amerikanischen Major Smith und dessen deutschsprechenden Oberleutnant Tichy an, diese zum Kampfkommandanten Wölk in die Burg zu führen. Smith wollte eine kampflose Übergabe Friedbergs erreichen, was vollkommen unüblich war. Nach einer heftigen Auseinandersetzung mit NS-Parteimännern bot Wölk um 8.30 Uhr in Anerkennung der aussichtslosen Lage die Kapitulation an, die Smith auf einem Zettel bestätigte.
Zeitgleich dazu spielten sich noch Kriegshandlungen im Raum Friedberg ab, wie der Massenmord von Hirzenhain oder der Durchmarsch der 6. SS-Gebirgs-Division Nord, mit der sich die amerikanischen Truppen noch bis zum 3. April heftige Kämpfe im Vogelsberg lieferten.
Da stand Friedberg bereits unter amerikanischer Verwaltung. Ab dem 31. März besaß man mit Balduin Vogt einen ersten Nachkriegs-Bürgermeister, dem nach seiner Absetzung am 24. April Anton Heinstadt folgte. Die von den Amerikanern ernannten höchsten Verwaltungsbeamten der ersten Stunde nach dem Krieg hatten sich insbesondere mit Fragen der Lebensmittelzuteilung und der Wohnraumbeschaffung auseinanderzusetzen. Hans Wolf zitierte Passagen aus einem Memorandum von Landrat Bach zu den teilweise chaotischen Zuständen in der Stadt, u.a. zu Plünderungen und Übergriffen von Fremdarbeitern gegenüber der Zivilbevölkerung.
Johannes Kögler führte zum Ende des hochinteressanten und spannenden Abends aus, dass sich auf Grund der Tatsache einer noch intakten Synagoge in Bad Nauheim schnell wieder eine jüdische Gemeinde entwickeln konnte. Diese zählte bis zu 1000 Menschen. Sie setzten sich teilweise aus amerikanischen Soldaten und heimgekehrten Juden aus den Konzentrationslagern zusammen. Kögler erinnerte auch an die jüdische Bevölkerung in Friedberg, die 1933 305 Personen zählte, bereits im April 1940 nur noch 58 Personen, ehe sie am 1. Oktober 1942 völlig ausgelöscht war.
Mit langanhaltendem Applaus dankte das Publikum den Akteuren des Friedberger Geschichtsvereins für eine Veranstaltung, die gerade angesichts der aktuellen Kriegsereignisse in Europa, der weltpolitischen Entwicklung sowie innenpolitischer Tendenzen nachdenklich stimmt und zugleich dazu auffordert, die historischen Geschehnisse in Erinnerung zu bewahren.
Achim Meisinger
Vgl. Wetterauer Zeitung, 29. März 2025