Der Friedberger Geschichtsverein widmete sich in einem Doppelvortrag im Zusammenhang mit dem Gedenken an 80 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs dem Thema Zwangsarbeit.
Gaëlle Götz und Lutz Schneider
Lutz Schneider, Leiter des Stadtarchivs, gab vor vollbesetztem Auditorium im Bibliothekszentrum Klosterbau einleitend einen Überblick über die vorliegenden Informationen über Zwangsarbeit in Friedberg. Bei rund 13,5 Millionen Zwangsarbeitern im Deutschen Reich ist der Aufenthalt von 4290 Personen im Stadtgebiet Friedberg bekannt. In der Kernstadt und in Fauerbach entsprach dies etwa einem Viertel der Einwohnerzahl. Kriegsgefangene, zivile Kräfte, sog. Fremd- bzw. Ostarbeiter und Inhaftierte der Konzentrationslager, darunter ein großer Anteil an Frauen, wurden wichtige Unterstützung für Industrie, Handel, Handwerk und Landwirtschaft, besonders beim Erledigen schwerer Arbeit. In Friedberg gab es für Russen und Franzosen sechs der 1500 Außenlager und Arbeitskommandos, die dem Stammlager in Bad Orb unterstellt waren, z.B. im Schützenhaus auf der Seewiese, unterhalten von der Arbeitsgemeinschaft Friedberger Firmen und der Stadt. Besonders Russen, Polen und Franzosen sowie ab 1943 auch Italiener wurden beim Bauamt, dem Gaswerk, der Müllabfuhr und für Straßenarbeiten bis hin zur Bombenentschärfung eingesetzt, waren gut bewacht und wurden in Kolonnen zur Arbeit geführt. Größter privater Nutzer von Zwangsarbeit war die Zuckerfabrik mit eigenem Lager auf ihrem Gelände. Oft schon wegen harmloser Anlässe waren Zwangsarbeiter Strafverfolgung, Gewalt und Misshandlung ausgesetzt. Bei dem verheerenden Bombenangriff vom 4.12.1944 kamen im sog. Polackenhaus in der Dorheimer Straße sechzehn russische Arbeitskräfte ums Leben. Luftschutzkeller waren ihnen verwehrt. Lutz Schneider belegte wiederholt die Vorgänge durch bekannt gewordene Einzelschicksale, auch auf Seiten der Täter. Seinen Beitrag schloss er mit dem Hinweis ab, dass Jahrzehnte nach dem Geschehen die politischen Gremien der Stadt beschlossen, wegen der Schwierigkeiten einer individuellen finanziellen Entschädigung zur Kompensation pauschal eine Zahlung von 5100 € zu leisten.
Eine der von Guy Raoult an seine Ehefrau gesendeten Briefe mit zahlreichen Hinweisen auf die behördliche Öffnung und Kontrolle.
Im zweiten Teil des Abends standen die Ausführungen von Gaëlle Götz, die im Vorstand des Geschichtsvereins das Thema angeregt hatte. In Auswertung von 140 Briefen ihres Großvaters Guy Raoult an seine Ehefrau und nach Recherchen vor Ort konnte die Wahl-Friedbergerin detailliert besondere Einblicke in das Leben eines französischen Zwangsarbeiters von 1943 bis 1945 geben. Als einer der ersten wurde der 22jährige Franzose aus dem Gebiet der mit Hitler zusammenarbeitenden Vichy-Regierung zum Pflichtarbeitsdienst eingezogen und per Los der Feinmechanik-Firma Maho in Pfronten zugeteilt. Der lang-jährige Renault-Mitarbeiter aus dem Stammwerk in der Nähe von Paris landete mit einem Fremdenpass im Februar 1943 im südlichsten Allgäu. Die 1920 gegründete Firma - heute nach mehreren Fusionen unter japanischer Leitung weltweit als Präzisionswerk tätig - begann 1936 mit Aufträgen für das Militär, ab 1938 war sie vollständig Teil der Rüstungsindustrie. Als Zwangsarbeiter waren Russen, Franzosen und Polen eingesetzt, 40% der 875 Arbeitskräfte. Neben Theaterspielen und Tischtennis schrieb Raoult als hauptsächliche Freizeit-beschäftigung alle zwei Tage einen Brief an seine schwanger zurückgelassene Frau. Die Briefe vermitteln ein überraschend positives Bild, ein gutes Betriebsklima, ein gegenüber den Russen privilegiertes Leben mit längeren Heimaturlauben. Hintergrund war bestimmt die Vermittlung durch die befreun-dete Regierung und das Angewiesensein auf die französischen Fachkräfte. Allerdings muss man auch in Teilen geschönte Briefinhalte vermuten, da Guy Raoult vom Öffnen und der Kontrolle der Briefe ausgehen musste. Aus den Briefen nach der Landung in der Normandie im Juni 1944 ist eine Verschlechterung der Situation herauszulesen. Am 5.12.1944 wurde er Kriegsgefangener. Zu den Einsätzen gehörte das Ausheben von Schützengräben, die Stadt blieb aber von Bombardements verschont. Gaëlle Götz schloss ihren Vortrag mit der Befreiung Pfrontens am Freitag, 28.4.1945, und dem Hinweis, dass ihr Großvater montags noch zu Rückkehrvorbereitungen in der Firma war, dann Urlaub erhielt. Seine Heimreise dauerte bis zum 19. Mai.
Zahlreiche Wortmeldungen waren zum Abschluss Beleg für das Interesse an diesem bedrückenden Thema und für die Wichtigkeit einer solchen Veranstaltung.