Mit Geleitschutz durch die Wetterau

Wer im 14. Jahrhundert durch die Wetterau reiste, benötigte Geleitschutz. Was es damit auf sich hat und wie Zickzack-Linien Dokumente fälschungssicher machten, ist in Band 70 der Wetterauer Geschichtsblätter nachzulesen.

Lokalforscher (v. l.): Karsten Brunk, Carl Ehrig-Eggert, Lothar Kreuzer und Reinhard Schartl zeigen die Geleitschutzkarte, die Band 70 der Wetterauer Geschichtsblätter beiliegt. (Foto: Jürgen Wagner)

Manche Bände der Wetterauer Geschichtsblätter lesen sich wie ein historischer Krimi, bieten Geschichten aus der Geschichte. Band 70, den die Herausgeber um Lothar Kreuzer, Vorsitzender des Friedberger Geschichtsvereins, dieser Tage im Bibliothekszentrum Klosterbau vorstellten, ist mehr wissenschaftlich ausgerichtet, bietet Forschern reichhaltiges Material, liest sich stellenweise aber dennoch spannend. Wenn man alles versteht. Laut dem Friedberger „Insatzbuch“ haben „Concze Brebel“ und seine „ehliche hußfrauwe“ am14. August1426 ihr Haus „virkaufft“. Man erfährt nicht nur die Lage, sondern auch den Hausnamen (Hausnummern kamen erst Mitte des 18. Jahrhunderts auf): So wird hier das „Haus Seidenecke“ erstmals erwähnt.

Fälschungen werden ausgeschlossen

Dr. Reinhard Schartl, pensionierter Richter am Oberlandesgericht, beschäftigte sich bereits in seiner Dissertation mit dem Friedberger Privatrecht im Mittelalter, später folgte eine Studie über das Strafrecht. Mit dem „Insatzbuch“, das Grundstücksgeschäfte behandelt, schließt sich der Kreis. Haus- und Personennamen finden sich hier, die Wirtschaftskraft lässt sich aus den Einträgen ab lesen. Verträge im heutigen Sinne gab es noch nicht. Stattdessen wurde der Vertrag auf einem Blatt zweimal notiert, oben und unten, und das Blatt dann in Zickzack-Linien geteilt. So wurden Fälschungen ausgeschlossen.

In Band 69 der Wetterauer Geschichtsblätter hat der Rodheimer Diplom-Geograf Dr. Karsten Brunk die Wetterauer Verkehrswege in der Frühen Neuzeit detailliert beschrieben, ein Mammutwerk. Im aktuellen Band folgt eine spannende Ergänzung: Brunk hat Geleitstraßenskizzen aus dem frühen 18. Jahrhundert ausgegraben, mit reizvollen Miniaturen. Städte und Dörfer sind auf den Kartenausschnitten nicht als Punkte dargestellt, sondern als Zeichnung, mit Kirchtürmen und Burgmauern. So erkennt man die Umrisse von Friedberg, Assenheim und Ilbenstadt oder Rodheim anhand der Silhouette.

Polizeihusare geleiten Händler zur Messe

Stichwort Geleitstraßen: Der umfangreichste Beitrag stammt von Dr. Dieter Wolf. Der ehemalige Leiter des Museums Butzbach hat vor vielen Jahren jene Karte rekonstruiert, auf die sich schon Brunk bei seinen Forschungen stützte: die „Wetterauer Geleitstraßenkarte von Prof. G. F. Werner 1790/92“. Händler auf dem Weg zur Messe in Frankfurt kamen einst ohne Geleitschutz nicht heil durch die Wetterau und durften auch nicht jede Ortschaft durchfahren. Wie diese Karte entstand, erzählt Wolf. Er zitiert aus Protokollen, zeigt die Uniformen der berittenen Polizeihusare und geht den Wegen der Karte nach, Dorf für Dorf. Auch hier gibt es viele spannende Details zu entdecken. Ein Reprint der Geleitkarte samt einer Übertragung auf eine moderne Landkarte, erarbeitet von Brunk, liegt dem Buch bei (Vereinsmitglieder haben die Karte bereits mit Band 69 erhalten).

Als der pensionierte Arabist Dr. Carl Ehrig-Eggert vor 15 Jahren damit begann, alte Kirchenbibliotheken zu erforschen, bekam er erst zu hören: „Der will nur Bücher klauen“, und dann stellte er erstaunt fest, dass Friedberg in der Bestandsliste der Landesbibliothek Darmstadt fehlte. Ehrig-Eggert konnte die Bücher aufspüren und stellt einzelne vor. Eine einer Erkenntnisse, die er beim Pressetermin freilich mit einem Schmunzeln vortrug: „In allen Pfarrbibliotheken gab es damals die griechischen und lateinischen Klassiker. Das konnten die Pfarrer lesen, die hatten noch einen weiteren Horizont als heute.“

Ulf Wielandt beschäftigte sich schon in Band 63 der Geschichtsblätter mit Schülerpostkarten von Abiturienten der Augustinerschule vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Nun präsentiert er weitere Karten und erläutert ihre Motive. Am Ende des Bandes findet sich die Fortführung der Chronik des Friedberger Geschichtsvereins. Der Vorsitzende Lothar Kreuzer dokumentiert die Jahre 2016 bis 2024.

Band 70 der Wetterauer Geschichtsblätter ist im örtlichen Buchhandel erhältlich. Der 350 Seiten starke Buch samt Faksimile der Wetterauer Geleitstraßenkarte von 1790/92 und einer Übertragung auf eine moderne Karte kostet 40 Euro. Mitglieder des Geschichtsvereins Friedberg können ihr Freiexemplar im Ticketshop oder im Bibliothekszentrum Klosterbau abholen. Außerdem wird der Band im Austausch mit 75 anderen Geschichtsvereinen und Institutionen in Wissenschaftsbibliotheken in ganz Deutschland und in Österreich vorrätig sein.

Vortrag „1000 Jahre Bruchenbrücken“

Um 1000 Jahre Bruchenbrücken geht es beim Friedberger Geschichtsverein am Donnerstag,19. März, um 20 Uhr im Bibliothekszentrum Klosterbau. Stadtarchivar Lutz Schneider sowie Birgit Graefen, Erhard Gröschl und Klemens Geyer vom Arbeitskreis „Geschichte Bruchenbrücken“ werden die Historie des Ortes lebendig werden lassen und Einblick in die Chronik geben; Janine Rabenau vom Verein „Miteinander für Bruchenbrücken“ stellt das Festwochenende am 12. und13. Juni vor. Grundlage für das Jubiläum ist der Codex Eberhardi, eine zwischen 1150 und 1160 erstellte Urkundensammlung des Klosters Fulda. Danach findet sich die erste Erwähnung von Bruchenbrücken in einer Zusammenfassung zur Gründung des Klosters Neuenburg zwischen 1021 und 1039. Innerhalb dieser Zeitspanne ist die Ersterwähnung anzunehmen. Im Anschluss an den Vortrag findet die Mitgliederversammlung des Geschichtsvereins statt.

Jürgen Wagner

Vgl. Wetterauer Zeitung 16. März 2026