Viertagefahrt nach Südthüringen
Die diesjährige viertägige Studienfahrt des Friedberger Geschichtsvereins führte unter der Leitung von Lothar Kreuzer ins südliche Thüringen. Der gut gefüllte Bus fuhr zuerst nach Gotha, dessen Ortsbild von Schloss Friedenstein beherrscht wird, das Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha-Altenburg Mitte des 17. Jahrhunderts errichten ließ. Das vom Schloss getrennte herzogliche Museum war ein erster Höhepunkt der Exkursion. Es zeigt eine nicht erwartete qualitätvolle Sammlung von Gemälden – beispielsweise von Rogier van der Weyden, Lucas Cranach d. Ä., Jan Brueghel d. Ä., Rubens oder Caspar David Friedrich – sowie ägyptische und chinesische Kunst. Das Schloss beherbergt neben einem weitläufigen Museum das barocke Ekhof-Theater aus dem späten 17. Jahrhundert, benannt nach Conrad Ekhof (1720-1778), dem „Vater der deutschen Schauspielkunst“. Die Friedberger Gruppe konnte die originale Bühnentechnik aus der Erbauungszeit in einem der ältesten bespielten Theater Deutschlands bestaunen.
Weiter ging es in das Wintersportzentrum Oberhof. Vorstandsmitglied Achim Meisinger gab einen Überblick über die Entwicklung des Ortes von einer Kleinsiedlung im Thüringer Wald zur Ausrichterstätte von Welt- und Europameisterschaften im Bob- und Rodelsport sowie im Biathlon. Die beeindruckende Biathlonanlage am Grenzadler konnte von den Fahrtteilnehmern eingehend besichtigt werden.
Am zweiten Tag war Saalfeld das erste Ziel. Dort befindet sich die „Feengrotte“. In diesem Bergwerk wurde von 1530 bis 1850 vorwiegend Alaunschiefer abgebaut. Das in einem langwierigen Verfahren gewonnene Alaun fand, wie die Friedberger Gruppe in einer Führung durch die drei Stollen erfuhr, Verwendung bei der Ledergerbung und als medizinisches Mittel bei der Wundheilung. Heute sind vor allem die farbenreichen Grotten von Interesse. Den Abschluss des Tages bildete eine Fahrt mit der Thüringer Bergbahn, der weltweit steilsten Standseilbahn.
Am nächsten Morgen stand zunächst eine Besichtigung der Altstadt von Suhl auf dem Programm. Die Stadt profitierte vom qualitätsvollen Eisenerzvorkommen, das gewonnene Eisen führte zur Begründung einer weltweit bedeutenden Schusswaffenproduktion. Die Reiseteilnehmer konnten dies im Waffenmuseum nachvollziehen, das vor allem Feuerwaffen aus dem 16. bis 20. Jahrhundert ausstellt. Von Suhl fuhr man nach Arnstadt, das mit seiner Ersterwähnung von 704 nicht nur die älteste Stadt Thüringens ist, sondern ebenso Bedeutung als einer der Thüringer Johann Sebastian Bach-Orte hat. Hier fand der Komponist und Musiker von 1703 bis 1707 seine erste Anstellung als Organist. Die Friedberger Gruppe besuchte deshalb die Neue Kirche, in der Bach gewirkt hatte. Weiterer Programmpunkt war das Schlossmuseum mit der Puppensammlung „Mon plaisir“, die an diesem Tag allerdings nur teilweise ausgestellt war.
Die letzte Station des Tages war Rudolstadt, überragt von Schloss Heidecksburg. Auf dem Besuchsprogramm stand hier das Schiller-Museum in dem Haus, in dem 1788 Schiller und Goethe zusammentrafen. Der letzte Tag der Exkursion führte nach Schmalkalden. Die Stadt stand seit 1360 unter der Herrschaft der hessischen Landgrafen, bis 1584 geteilt mit den Grafen von Henneberg. Landgraf Wilhelm IV. von Hessen-Kassel errichtete in den Folgejahren das nach ihm benannte Renaissanceschloss. Bereits 1530 erlangte die Stadt reichsweite Bedeutung, als sich protestantische Fürsten und Städte gegen Kaiser Karl V. zum Schmalkaldischen Bund zusammenschlossen. Die Gruppe des Geschichtsvereins erlebte auf Schloss Wilhelmsburg einerseits eine Präsentation der Festsäle und Privatgemächer der Landgrafen mit eindrucksvoller Malerei und Stuckwerk, andererseits eine eingehende Darstellung des protestantischen Bundes sowie dessen Krieges gegen die katholische Union. Daran schloss sich ein Rundgang durch die Altstadt, die eine in Deutschland kaum übertroffene Ansammlung von Fachwerkgebäuden bietet.
Weiter ging es nach Meiningen, wo dessen Theater (Neubau von 1909) im Mittelpunkt steht. Daneben blieb noch Zeit zum Besuch des Dampflokmuseums. Es stellt die technische Entwicklung der Lokomotiven im ansässigen Werk dar und gibt Informationen über die Arbeitsverhältnisse bei den Bahnunternehmen, nach dem 2. Weltkrieg der Deutschen Reichsbahn der DDR. Die Rückfahrt in die Wetterau führte über das nordbayerische Eußenhausen. Der inzwischen zu Mellrichstadt gehörende Ort war schon seit dem Mittelalter Grenzort zur Herrschaft Henneberg. Während der deutschen Teilung nach dem 2. Weltkrieg war hier ein Grenzübergang nach Thüringen. Die Exkursion führte demgemäß zu den noch erhaltenen Grenzanlagen.
Reinhard Schartl
Vgl. Wetterauer Zeitung 09. Juni 2026