Prof. Dr. Alexander Jendorff: Handbuch der hessischen Geschichte

Präsentation des Handbuchs der hessischen Geschichte. Abschluss eines Langzeitprojektes

Im ersten Vortrag des Jahres beim Friedberger Geschichtsverein stellte Prof. Alexander Jendorff als einer der beiden Herausgeber der letzten drei Bände das faktenreiche, achtbändige Überblickswerk zur hessischen Geschichte vor. Herausgegeben von der Historischen Kommission für Hessen behandelt es den Zeitraum von ihren Anfängen bis zum Ende des Alten Reiches zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Solche Handbücher hatten v.a. im 19. Jahrhundert Konjunktur. Ihre Idee wurde nach dem Einschnitt des Zweiten Weltkriegs nach Entstehung der westlichen Bundesländer in gleichartigen Projekten, aber unterschiedlicher Herangehensweise aufgegriffen. Sie sollten auch zur Selbstvergewisserung bzw. der Legitimation der neuen Territorien beitragen. Man suchte Antworten, was Hessen ausmacht, was eigentlich hessische Geschichte ist.

Prof. Dr. Alexander Jendorff

Das hessische Handbuch hat seine eigene Geschichte, da es in einem langen Zeitraum von den späten 1970er Jahren bis 2024 entstanden ist, in dem sich die Forschungsperspektiven elementar gewandelt haben. Ständeforschung wurde intensiviert, das Agieren vieler unterschiedlicher Personenverbände und Interessengruppen wie Ritter, Grafen oder andere weltliche oder geistliche Herren für wesentlich erachtet, politische Fragestellungen nach Motiven oder Koalitionen einbezogen. Jendorff stellte heraus, dass ein Werk zur hessischen Geschichte ohne Darstellung des Agierens der Mainzer Erzbischöfe unvollständig bleiben würde, dass die Reichsstädte Frankfurt, Wetzlar, Friedberg und Gelnhausen in ihm nicht fehlen dürfe.

Die Herausgeber Gräf und Jendorff stellten sich der Aufgabe, ältere Beiträge in ihrem zeitlichen Kontext zu würdigen, teils mit Zustimmung der Autoren neue Forschungen einzuarbeiten, die Arbeiten kritisch zu würdigen und sich in erster Linie von der Zentrierung auf die Geschichte der Landgrafen zu verabschieden, d.h. nicht mehr Geschichte über die Taten großer Männer oder Mächte zu schreiben. Sie brachten das Werk mit einem strukturgeschichtlich ausgerichteten Band zum Abschluss. Die einschlägige Belastung führender Forscher im Umfeld der Historischen Kommission wegen ihrer Haltung im 3. Reich wurde nicht mehr verschwiegen. Die Annahme einer ungebrochenen historischen Kontinuität, die Konstruktion, der Gang der hessischen Geschichte liefe konsequent auf die Entstehung des Bundeslandes zu, ein „Hessenvolk“ sei im Laufe der Geschichte im Werden, wurde überwunden. Jendorff verwies darauf, dass z.B. die glorreiche Entwicklung Hessen-Kassels durch die Übernahme durch Preußen ein jähes Ende fand, dass Teilräume des heutigen Hessen anders strukturiert und ausgerichtet waren, regionale Besonderheiten bestanden und bestehen und dass Hessen sich in den Jahrhunderten vollkommen verändert hat.

Am Ende des Einblicks in ein solches Mammutwerk stand die Erkenntnis, dass ein Handbuch von der Bereitschaft der Autoren lebt, sich der Aufgabe eines großen Überblicks zu stellen. Auch wenn Themen wie die Wirtschaftsgeschichte fehlen, ist doch ein wichtiges Arbeitsmittel für die Wissenschaft bereitgestellt und können Geschichtsinteressierte intensive Lektüre betreiben. Nach der abschließenden Fragerunde konnten die Zuhörer am Büchertisch einen ersten Blick in die Bände werfen.

Lothar Kreuzer

Vgl. Wetterauer Zeitung 02.02.2026